Weihnachten auf dem Kilimandscharo 1996

Kilimandscharo – Aufstieg in Schnee und Eis am Äquator
Autor / Bildrechte: Fritz Blach

Wir, das ist eine Gruppe Bergsteiger aus dem Sauerland, die sich eine Besteigung des Kibo über den eisgepanzerten Südrücken, über den Heimgletscher und das Southern Icefield, ausgesucht haben. Und wir tun uns schwer mit der Vorstellung, hier unten in der heißen Massai-Steppe, in ein paar Tagen im eisigkalten Gletschereis auf das Haupt des Kibo zu steigen. Und nicht nur uns erging es so: Dem ersten Weißen, der zum Kilimandscharo vordrang, Dr. Rebmann von der Londoner Church Missionary Society 1848, und in seiner Heimat davon berichtete, löste eine Welle ungläubiger Proteste aus. Dr. Rebmann näherte sich mit ein paar Eingeborenen von Mombassa aus dem Massiv und erblickte am 11. Mai 1848 den Kibo. Nachdem er dieses Naturphänomen sowohl bei Tag als auch in der Nacht bei Mondschein betrachtet hatte, war er sich sicher, dass es sich um Schnee auf dem Gipfel handeln müsse. Die Eingeborenen erzählten ihm von einem silbrigen Stoff, der sich als gewöhnliches Wasser erweise, wenn man ihn in Flaschen herunterbringe.

Unser Anstieg vollzieht sich von Südwesten über die Umbwe-Route, beginnend am Umbwe-Gate auf etwa 1800 m Meereshöhe. Auf dem breiten Weg kommen uns Frauen und Kinder mit riesigen Bündeln Holz auf dem Kopf tragend entgegen. Freundlich werden wir begrüßt. Meterhohe Farne, Yuccapalmen, Lianen und Orchideen säumen den Weg, bis wir über steile, glitschige Pfade mit ein paar leichten Kletterstellen unseren ersten Biwakplatz auf 2860 m Höhe erreichen.

Am nächsten Morgen erreichen wir nach etwa 100 Höhenmetern den „Wald der Bärte“, wie die Einheimischen sagen. Der Weg verläuft über einen steilen Gratrücken, gesäumt von Baumeriken, von denen lange Flechtenbärte herab hängen. Der Blick fällt rechts und links tief in die Barrancos ab. Ab 3200 m wechselt die Vegetation erneut. Der Bewuchs wird spärlicher und lichter, niedrige Heidekrautbüsche und Senecien folgen uns, bis wir die Barranco-Hut auf 3900 m in der Mittagszeit erreichen.

Am frühen Abend, wir sind gerade in anregende Gespräche über das Bergsteigen im Allgemeinen und über das Bergsteigen am Äquator vertieft, eröffnet sich uns ein überraschender Anblick. Fast unbemerkt haben sich die Wolken am Kilimandscharo verzogen und geben den Blick auf unser erstrebtes Ziel, den Heimgletscher frei. Unter klarem blauem Himmel liegt das Eis ausgebreitet auf dem Südwestrücken in der Abendsonne. Erst die einbrechende Dunkelheit lässt uns von diesem herrlichen Anblick abwenden und wir verkriechen uns zufrieden in unsere Zelte, voller spannender Erwartungen, was uns die nächsten Tage bringen werden.

Der nächste Tag führt uns an den Fuß des Gletschers heran, steil bauen sich über uns dunkle Felsriegel auf. Bis hierhin begleiten uns unsere Träger mit unserer Ausrüstung und den Zelten. Ab hier steht uns ein zweitägiger Aufstieg über den Heimgletscher bevor, am Stella Point wollen die Träger wieder mit unserer Komfortausrüstung auf uns warten.

Noch in der Dunkelheit brechen wir am nächsten Morgen von 4500 m auf. Die gesamte Gruppe von 8 Bergsteigern ist mit dabei, die Eiskletterei zu wagen. In 3 Seilschaften gehen wir die 40-50° steilen Eispassagen an, die immer wieder von Felsriegeln im 3. Schwierigkeitsgrad unterbrochen werden.

Der Gletscher hat sich hier im unteren Teil in den vergangenen Jahren so stark verändert, dass immer mehr Felspassagen zum Vorschein kommen. Dies bedeutet eine erhöhte Kraftanstrengung, jedoch kommen wir ganz gut voran. Der aufgekommene Nebel erschwert die Orientierung so stark, dass wir den direkten Einstieg zur Gletscherzunge verpassen. Wir steigen etwas zu hoch und biwakieren auf 5200 m. Am Abend klart es auf und wir können den weiteren Wegverlauf für den nächsten Morgen erkunden.

Seilänge um Seillänge arbeiten wir uns am nächsten Tag den 45° steilen Heimgletscher hoch, bis wir mittags über eisfreie Felsen das Southern-Icefield erreichen. Hier legt sich das Gelände zurück und in wenigen, aber mühseligen Stunden erreichen wir das Gipfeleisfeld des Kibo. Kurz vor Erreichen des Gipfels verlassen wir das Eisfeld und richten uns für die Heilige Nacht ein, denn schließlich schreiben wir den 24. Dezember, Heiligabend. Es wird ein kaltes und ungemütliches Biwak, kein Kocher funktioniert und alle verschwinden in den Schlafsäcken. Nach einigen Mühen kann ich einen Kocher wieder zum Laufen bringen und bereite einige Portionen heißen Kakaos zu. So geht der Heilige Abend fest eingepackt in warme Daunenschlafsäcke zu Ende.

Die aufgehende Sonne am nächsten Morgen sieht 8 strahlende und glückliche Bergsteiger auf dem Uhuru Peak. Grandios ist das Panorama, das wir nun in alle Richtungen überblicken können. Der Blick schweift ungehindert über den großen Reusch-Krater, über den wildgezackten Kamm des Mawenzi bis hinüber zur Massai-Steppe, die weit unter uns im Dunst verschwindet. Als Abstieg wählen wir die trockene Mweka-Route, was den Nachteil mit sich bringt, bis zur Mweka Hut absteigen zu müssen, weil erst dort wieder Wasser zu finden ist. An diesem Abend holen wir unser Weihnachten nach. Wir stellen den Weihnachtsbaum aus Kunststoff auf, Uwe macht Popcorn in der Bratpfanne und etwas Tee mit Rum gibt es auch. Der nächste klare Morgen beschert uns noch einen letzten wolkenlosen Blick auf dem Kilimandscharo bevor wir uns endgültig vom Berg verabschieden.