„Bis dann in 10 Tagen auf der Kaindlhütte!“ So trennten wir uns nach unserem letzten Vorbereitungstreffen und trafen uns besagte 10 Tage später am Kaiserlift wieder. Von den „Liftboys“ mussten wir uns einige Kommentare über die vielen schweren Rucksäcke anhören - aber für eine Woche Spaß auf den Bergen benötigt man doch so einiges.
Fast eine Stunde mussten wir die Rücksäcke bei schönstem Sonnenschein und stahlblauem Himmel noch bergauf schleppen. An der Kaindlhütte angekommen gönnten wir uns erst einmal einen Willkommenstrunk. Anschließend wies uns der Hüttenwirt in die Gepflogenheiten des Hüttenablaufs und der Essenszeiten sowie Nachtruhe ein. Helme und Klettermaterial durften wir nicht mit in die Schlafräume nehmen, damit die Nachtruhe nicht gestört würde falls jemand versehentlich gegen solche Gegenstände stoßen würde. Brav deponierten wir alles im Trockenraum, wunderten uns allerdings ein wenig über die nicht enden wollenden Anweisungen, ohne zu wissen, wie sehr sie uns in dieser Freizeit doch bestimmen sollten.
Der erste Tag begann sorgenvoll. Leon war bereits bei der Anreise erkrankt und sein Zustand hatte sich über Nacht sehr verschlechtert, so dass die Bergwacht gerufen werden musste und Familie Kohlgrüber die Heimreise wieder antrat. Die Kinder trauerten Leon und Kathrin nach und Franz seinem Seilpartner Thomas.
Trotz allem hieß es „Der Berg ruft!“ und die Bergschuhe wurden traditionsgemäß zur Eingehtour geschnürt. Der Gamskogl war unsere Ziel. Der kurze aber steile Weg auf den Gipfel wurde mit einer schönen Aussicht belohnt.
Den Rest des Tages lernte die Gruppe unter Anleitung von Sabine Doppelkopf. Gesellschaftsspiele sollten uns noch oft die Zeit vertreiben, denn ab dem nächsten Tag war das Wetter uns nicht mehr so hold.
Der Regen trommelte bereits nachts auf das Dach und wollte auch vormittags nicht weichen. Gegen Mittag schien es aufzureißen und wir wagten die nächste Wanderung zu der eine Stunde entfernten Wallaalm. Dort stärkten wir uns kurz, um dann zügig zum Aufmarsch zu blasen. Die dunklen Wolken waren schneller als unsere Beine. So mussten wir den Rückweg in strömenden Regen bewältigen, die Wege waren zu Bächen angeschwollen. Pudelnass erreichten wir die inzwischen voll belegte Kaindlhütte. So lernten wir unsere nassen Kleider und Schuhe in einem überfüllten und engen Trockenraum zu trocknen.
Ein Spielenachmittag und –abend war angesagt. Groß und Klein hatten ihre Freude und manchmal ging es so hoch her, dass uns strafende Blicke der Wirtsleute trafen.
Der Regen trommelte auch die nächste Nacht rhythmisch aufs Dach. Der Morgen war neblig, doch am frühen Vormittag rissen die Wolken kurz auf, und zur Begeisterung der Kinder war das Kaisergebirge mit einem frischen Weiß gepudert.
Gespielt hatten wir am Vortag genug, nun waren Seiltechnik und Knotenübungen angesagt. Jeder übte nochmals das selbstständige Anziehen und Einbinden in die Klettergurte. Die Hoffnung hatten wir ja noch nicht aufgegeben, wir wollten schließlich noch unsere Kletterkünste an der Kletterwand in der Nähe der Hütte optimieren. Doch noch war draußen alles zu nass.
Am frühen Nachmittag hatte das Wetter mit uns eine Nachsicht, so dass wir die Friedhofsrunde mit den Kindern erforschen konnten. Es war eine schöner steiler Pfad, der sich hinauf zum Einstieg des Widauersteigs schlängelte. Unterhalb der Felsen lagen zur Freude der Kinder noch große Schneefelder. Geschickt wurde das Firngleiten auf Wanderschuhen erprobt.
Anderntags führte uns eine größere Wanderung über den Bettlersteig zum Anton-Karg-Haus, einer wirklich urigen alten großen Hütte, in der wir endlich unseren heiß begehrten Kaiserschmarrn verspeisen konnten. Zum Leid der Kinder war es aus organisatorischen Gründen auf der Kaindlhütte nur zu bestimmten Zeiten möglich dieses vorzügliche Gericht in kleinen Portionen zu bestellen. Aber zur Feier des Tages, Sabine freute sich darüber ein Jahr älter geworden zu sein, saßen wir nun gemütlich in großer Runde beisammen. Die Idee wurde kreiert heute heimlich die Hüttenruhe zu verlängern und so wurden für den späteren Abend zwei Flaschen Rotwein gekauft.
Abends dann die Überraschung: Wir waren die einzigen Gäste in der Kaindlhütte und so machten wir Großen uns bereits Hoffnung darauf, nicht kategorisch von den Wirtsleuten um zehn Uhr ins Bett geschickt zu werden um noch ein wenig zusammen feiern zu können. Die Karten wurden wieder ausgepackt und Doppelkopf gespielt. Stephan, diesjährige Saisonaushilfe auf der Hütte, setzte sich dazu, so dass wir Erwachsenen unter seiner Obhut bis Mitternacht aufbleiben durften.
Ruhig und gemütlich war es in der Runde, gefeilscht wurde um jeden guten Stich – tiefe Konzentration, wer spielt hier mit wem? Plötzlich polterte es über uns. Wir waren verwundert, waren wir doch allein in der Hütte und die Kinder schliefen zwei Etagen über uns unterm Dach im Lager. Komisch war uns zumute, noch mehr, als uns Stephan von merkwürdigen Begebenheiten in der über 100jährigen Hütte erzählte. Sabine unternahm eine Stippvisite im Haus, aber es war alles ruhig. Vielleicht schlafen die Kinder doch noch nicht. Franz und stieg hinauf ins Lager, konnte aber auch nichts vermelden, die Kinder schliefen tief und fest. So langsam wurde es uns unheimlich, lebhafte Phantasien wurden geäußert. Der nächste Morgen lüftete das Geheimnis: Sebastian, eines unserer Kinder, hatte Poltergeist gespielt und natürlich eine diebische Freude, als er bemerkte, in welche Angst und Schrecken er die Erwachsenen versetzt hatte.
Die Nacht hatten wir mit dem gewohnten Trommelgeräusch verbracht und die Aussicht war wieder sehr trüb. Trotzdem versuchten Franz und Sabine den Aufstieg zum Zettenkaiser. Die Bedingungen waren aber zu schlecht und sie kehrten um. Zum Glück trocknete aber die Kletterwand, so dass wir nach Herzenslust den ganzen Nachmittag klettern konnten.
Das Highlight dieser Fahrt sollte der Widauersteig hinauf zum Scheffauer werden. So hatte Franz es geplant und er hat offensichtlich einen guten Draht zu Petrus. Punktgenau zu dieser Erlebniswanderung hatten wir strahlenden Sonnenschein. Streng nach Vorschrift waren alle auf dem Steig gesichert, allerdings kostete der Aufstieg dadurch sehr viel Zeit. Belohnt wurde die Gruppe mit einer phänomenalen Aussicht bis zum Großglockner. Alle waren begeistert und die Kinder stolz auf sich, die Ausdauer für diesen langen Aufstieg gehabt zu haben. Müde kamen alle am Abend in der Hütte an – verspätet zur Essenszeit. Da erfolgte natürlich ein Rüffel vom Hüttenwirt, denn alle vorgegebenen Zeiten waren streng einzuhalten.
Nach dem Essen wurden wir noch mit einem wunderbaren Sonnenuntergang belohnt, das Kaisergebirge im Abendrot!
Die Hütte war ausgebucht und alle Gäste gönnten sich vor Schankschluss noch ein Schnäpschen. „Ich geb’ euch auch noch einen aus“, meinte Sabine und wollte bei der Hüttenwirtin bestellen. Doch diese antwortete ihr nur: „Aber nur, wenn es danach brav ins Bett geht!“ Wir waren doch leicht entsetzt und schmollten. Wir erinnerten uns noch der zwei Rotweinflaschen und haben uns, wie zu unserer Jugendzeit, heimlich und ganz leise, bei Torsten und Sabine auf dem Zimmer den Wein bei Stirnlampenschein schmecken lassen.
Zur späteren Stunde schlichen wir uns aus der Hütte und genossen den sternenklaren Himmel über uns. Torsten als Hobbyastronom erklärte uns viele Sternbilder. So beschlossen wir den letzen Abend, um am nächsten Tag bei Sonnenschein wieder ins Tal hinabzusteigen.
Regina Spenrath
|