Es hat geschneit - Winter 2006

Autor: Fritz Blach


Es hat geschneit. Und immer noch hüllt uns dichtes Schneetreiben in unserem Haus in Segnas am Oberalpstock ein. Wir haben unsere Gläser genommen und stundenlang am Fenster gesessen und zugesehen, wie dicke Schneeflocken vom Himmel schweben. Es ist wunderbar. Wie gut, dass wir unsere Skitourenwoche hier am Oberalpstock verbringen. Und wie schön, solche Freunde zu haben.


Wegen der großen Neuschneemengen gehen wir erst am Nachmittag eine kleine Eingehtour ins Val Segnas, welche gleich hinter unserem Häuschen beginnt. Zum Aufstieg nutzen wir die Spuren, welche die Variantenfahrer aus dem Skigebiet hinterlassen haben. Martin stellt sich auf für die Piepsprobe und lässt jeden an sich mit eingeschalteten Lawinensuchgeräten vorbeimarschieren. Sicher ist sicher. Nach 1 ½-stündigem Aufstieg, mittlerweile müssen wir in dem tiefen Schnee selbst spuren, entscheiden wir uns zur Umkehr.


Schließlich wird es in einer Stunde dunkel und dann wollen wir wieder in dem warmen Häuschen sein. Hui, welche Freude in dem tiefen Pulverschnee abzuschwingen. Nur leider beherschen nicht alle die Tiefschneeschwünge perfekt und so kommt es immer wieder zu heftigen Einschlägen. Aber alles halb so schlimm, den Schnee aus den Kleidern klopfen und weiter geht die wilde Fahrt.


Nach einer knappen halben Stunde erreichen wir unser Häuschen und bei kühlem Bier, Wodka Pflaume und einem leckeren Kartoffel-Sahne-Spinat-Gratin klingt der Tag aus.
Als wir am nächsten Morgen wach werden, ist die ganze Landschaft unter einer dicken Schneedecke vergraben und auf den Dächern liegen dicke, witzige Schneehauben. Was für ein phantastischer Anblick. Es gibt keinen schöneren Platz auf dieser Welt. Hierher zum Skitourengehen zu kommen war die beste Idee in den letzten 10 Jahren und ich fühle mich wieder wie ein kleiner Junge. Wir bereiten unsere Ski für die nächste Tour vor. Was für ein tolles Leben!
Die heutige Skitour führt uns zur Tegia Nova. Steiles Almgelände, in dem wir sogar teilweise Spitzkehren anlegen müssen, bilden den Auftakt. Einer tief verschneiten Forststrasse folgend geht es im tief verschneiten Wald weiter. Größere Waldlichtungen versprechen für die Abfahrt ungetrübten Genuss. Über der Waldgrenze betreten wir große freie Flächen,


die jedoch etwas windverblasen sind. Auf etwa 2200 m ist allerdings der Sturm so stark, dass wir uns für die Umkehr entscheiden.


Der Weg ist das Ziel und der traumhafte Pulver entschädigt für den entgangenen Gipfel! Nur für Hobbi wird diesmal der tiefe Pulverschnee zum Verhängnis. Sein Ski ist nicht so besonders drehfreudig und so kommt es immer wieder zu kleinen Kratern, die seine Abfahrtsspur zieren. Aber macht nichts, Übung macht den Meister und die Abfahrt ist noch lang.


Martin sagt, das es kommende Nacht nocheinmal 30 cm schneien soll, wie toll. Ich finde gut, dass Martin mein Freund ist. Zur Stärkung gibt es heute Abend Polenta mit zwei verschiedenen Saucen, einmal was mit Pilz-Sahne und was mit leckerer Tomatensauce. Hmmmm, lecker.......

Es hat geschneit, schon wieder 40 cm letzte Nacht. Das führt dazu, dass heute keiner mehr freiwillig spuren will, also entscheidet das Los. Es trifft mal wieder Martin. Na gut, ist ja nicht der Schwächste und außerdem, muß er immer so grinsen, wenn wir kleine Tiefschneelichter uns mal wieder aus dem Krater graben. Heute entscheiden wir uns für die Alpe Soliva als Tourenziel. Wieder starten wir auf steilen Almwiesen und queren oberhalb dieser den Wald, bis wir auf freie Flächen stoßen.

Hier legen wir, oder besser gesagt Martin, der schon ein knallrotes Gesicht hat, die Spur aus lawinentechnischen Gründen in den steilen Wald durch die Bäume. Mein Rucksack drückt mir so auf die Schultern und außerdem bin ich arg am Keuchen, sodass ich Charly frage ob er noch Platz in seinem Rucksack hat. Er sagt nein, ich glaube,dass er lügt. Martin meint, ich solle demnächst mehr Kondition trainieren. Wir sind doch nicht auf Expedition! Als der Hang sich weit zurücklehnt und der weitere Aufstieg keine weiteren nennenswerten Abfahrten mehr verspricht, erklären wir den Gipfel für erreicht!

Sogar die Sonne hat ein Einsehen mit uns und wärmt uns während der Rast. Die Abfahrt könnte gut werden, wenn es nicht gleich durch den dichten Wald gehen würde. So kommt es, wie es kommen mußte. Erstmal ist natürlich Charly wieder mit einem Tauchgang dran, sehr zur Freude Martins.


Dann völlig überraschend, zerreißt es mich in voller Fahrt. Und natürlich ist Martins Grinsen nicht weit (er meint, ich solle die Knie beieinander halten, so ein Blödsinn). Warte, dich erwische ich auch noch, und wenn’s beim Eisklettern ist. Der freie Hang bietet für alle was, Tiefschneefreuden pur. Wenn auch eine Spur mehr dem Motto „Punkt-Punkt-Komma-Strich“ gewidmet scheint. Aber bekanntlich ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, aber vielleicht schon mal in den Schnee.......?


Aber die dick belegte Pizza am Abend versöhnt wieder alle. Nur auf einer Pizza sieht man/frau ein mit Paprikastreifen und Tomatenscheiben geschriebenes „Punkt-Punkt-Komma-Strich“


Schon wieder 20 cm von der weißen K...cke. Martin sagt, dass wäre gar nicht vorher gesagt, ich glaube, dass er lügt. Trotzdem entschließen wir uns zu einer weiteren Skitour. Wir haben nämlich einen, der spurt. Der Martin hat nämlich beim Zocken verloren und der Preis war..........Spuren, genau.

Die Wahl fällt heute auf den Piz Muraun bei Curaglia. Wir verfolgen die Fahrstrasse zum im Winter verlassenen Almdorf. Martina R. malt in den Schnee: „Es hat geschneit“. Und es schneit immer noch. Aber es ist weicher Pulver, der da vom Himmel fällt. Im gleichmäßigen Rhythmus steigen wir einer hinter dem anderen die Spur auf. Wieder sind wir die ersten und die einzigen, die hier unterwegs sind. Bergeinsamkeit.

Nach dem letzten Almgebäude geht es wieder in den steilen Wald, Martin spurt. Und es schneit und schneit. Martina W. fragt mich nach dem Kellespitze-Westgrat. Muß man da im Winter mit Steigeisen klettern? Ich habe keine Luft zum Sprechen, muß steigen. Was glaubt die eigentlich? Und warum eigentlich muß der Schnee so tief sein?

Und ich weiß genau, warum Martin diese Tour ausgesucht hat. Weil sie so steil ist! Warte, dich kriege ich auch noch! Irgendwo, irgendwann im dichten Schneetreiben erklären wir den Umkehrpunkt unserer Skitour für erreicht.


Schnell die Felle runter, einen Becher heißen Tee und einen Riegel runter geschlungen und ran an die Abfahrt. Der Schnee ist genial und die Ski schwimmen perfekt auf. Lohn der Mühen. Der steile Wald zwingt uns die Spur auf. Und wenn’s mal nicht so elegant geht, der nächste Schwung wird wieder besser.

Auf dem freien Almgelände aber kommt noch einmal der Härtetest! Obwohl so tiefer Schnee liegt, ist die Oberfläche nicht glatt, sondern die Almbuckel gucken noch aus dem Schnee. Nur wegen des dichten Schneetreibens gucken wir keine Buckel mehr, die Folge sind wieder einige Saltos, die sich ob des halsbrecherrischen Tempos einiger nicht vermeiden lassen.

Und das Grinsen auf einige Gesichtern ist nicht mehr zu unterdrücken. Martin meint zu mir, ich führe wie die sibirischen Breitspur, dass ist das Dämlichste was ich jemals gehört habe, kann darüber gar nicht lachen.

Das nächste Mal ist Charly dran. Mit rasanten Tempo, sein Motto scheint zu sein, mit möglichst hohem Tempo über die Buckel hinwegzuschießen, zerreißt es ihn heftig. Aber Charly ist zäh, zum Glück hat er sich nicht verletzt. Aufstehen, sammeln, Schnee abklopfen, nochmal sammeln, weiter.

Nach knapp einer Stunde sind wir müde, nass, aber glücklich wieder an den Autos. Und so gehen ein paar wunderschöne Tage dem Ende entgegen.


Und: Wir haben uns nicht wirklich gezankt. Der geneigte Leser wird längst gemerkt haben, dass nicht alles ernst zu nehmen ist und vieles mit einem Augenzwinkern zu verstehen ist. Denn: Mir geht es gut. Ich mag die kleinen Pillen, die sie mir dauernd geben.

Aber warum bin ich an das Bett gefesselt?


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