Red Rocks-Canyonlands-Yosemite - Eine Kletterreise in den USA 2006

Autor / Bildrechte: Fritz Blach

Klicken Sie hier, um zur Galerie zu gelangen.


Mein Traum, zugegebenermaßen mein zweitschönster, spielt sich immer auf die gleiche Weise ab: Ich fahre mit dem Auto von Girkhausen nach Wenden. Wenn ich dann an der Steinkurve meinen Wagen nach links lenke, taucht über der Schönauer Höhe ein Felsturm auf. So einer von der Art, wie sie in den Dolomiten oder im Kaiser stehen. Nicht ganz so hoch, vielleicht 100 oder 150m, aber tolle steile Felswände. So scharf oder eher unscharf wie das in Träumen eben ist. Und dann kommen immer dieselben Bilder von versteckten Kalkfelsen in meiner Heimat. Keine wirklichen oder bekannten wie Elberskamp oder Efeuturm, eben auch nur Traumbilder. Aber im Traum bin ich sie immer wieder geklettert und immer kommt der Gedanke, dass ich an dem Felsen lange nicht mehr war und doch gerne mal wieder dort klettern möchte. Dann lande ich wieder in der harten Realität, der Wecker hat alle Bilder weggewischt. Und am Abend nach der Arbeit finde ich mich dann im Elberskamp oder im Hönnetal wieder.

Ich kenne jetzt aber auch eine Gegend, wo solche Träume wahr werden. Es war das erste Mal im Jahr 2000: Ich fahre mit meinem Freund Uwe durch Wyoming, Ziel Devils Tower. Am frühen Morgen, wir sind die Nacht von Denver aus durchgefahren, steigt über der Präirielandschaft, wie in einem Traum, der Devils Tower aus dem Boden in die Höhe. Er erhebt sich wie aus dem Nichts, steigt höher und höher und nimmt immer mehr Platz am Horizont ein. Es gelingen uns in den folgenden Tagen einige moderate, wenn auch nicht immer genussvolle Touren. Bei einigen Touren geht es nur mit der Bewältigung von Off-Wides weiter und bei denen habe ich eben immer das Gefühl, gleich aus dem Riss zu fallen.

Mein nächster Besuch in den Kletterparadiesen des US-amerikanischen Südwestens fällt auf das Jahr 2006. Unser erster Anlaufpunkt sind die Red Rocks bei Sedona, etwas nördlich von Phoenix in Arizona gelegen. Unverschämt schöne, in allen Rottönen leuchtende Sandsteinfelsen stehen hier ganz unmotiviert in der Landschaft. Doch bevor wir uns im Sandstein versuchen, beginnen wir unseren Warming-Up am Oak-Creek Canyon Overlook. Hier finden wir eine etwa 30 m hohe Abbruchkante aus feinstem Basalt und wir wähnen uns wie an den Schwarzen Säulen in Ettringen oder Kottenheim, so zum verwechseln ähnlich sind die Felsen. Nur dass hier kein einziger Haken zu finden ist, aber hinreichend Risse, um Friends oder Nuts zu verstecken.

Den nächsten Tag verbringen wir dann im roten Sandstein. Die Normalroute am Mace (5.9), ein steiler Felsturm in der Gruppe des Cathedral Rock, hatte es mir schon 2000 angetan. 4 Stunden für 4 Seillängen, wahrlich nicht besonders schnell. Aber das Legen von den mobilen Sicherungsmitteln braucht eben Zeit. Da fehlt uns ein bisschen die Routine, wie auch im Bewältigen der Sandsteinrisse was wohl mehr etwas für echte Sachsen ist.

Von Sedona geht‘s in die Canyonlands von Utah, mit einem kleinen Abstecher zum Grand Canyon, den wir uns aus einer Hubschrauberkanzel mal von oben betrachten, um die ganze Grandiosität dieses Naturschauspiels zu erfassen (und sogar zum Klettern gäbe es im Grand Canyon ne‘ Menge Spots, ob da wohl was gemacht wird?). Am nächsten Tag stehen wir dann unter meiner Traumroute, dem „Super Crack of Desert“ (5.10) in den Canyonlands. Aus einer Begehung soll allerdings nichts werden, kaum bin ich in der ersten Seillänge auf dem ersten Absatz angelangt, geht ein heftiges Gewitter nieder und vereitelt alle weiteren Versuche für heute. Unser enger Zeitplan lässt uns dann auch nicht mehr auf bessere Verhältnisse warten, schließlich wartet noch das Valley auf uns.

Die anschließende Autofahrt durch das nördliche Utah mit Ziel Yosemite Valley lässt immer wieder meine Traumbilder aufblitzen. In Gegenden, wo man es nicht vermutet, tauchen immer wider bizarre Felsmassive aus dem Boden. Wir schaffen es kaum, weiter zu fahren. Zu groß ist die Verlockung, den Türmen einen Besuch abzustatten. In uns bleibt der Wunsch, hierher irgendwann einmal zurück zu kehren. Nevada ist groß-sehr groß-und warm-sehr warm, und wir mussten mit unserem Auto einmal quer durch. Da verwundert es nicht, wenn ich als Fahrer auf der langen, eintönigen Fahrt ein wenig schläfrig werde. Daher kommt die Frage von Martin, was denn ein Dip sei (es stand ein Schild am Straßenrand mit der Aufschrift “Dip“) durch einen dicken Wattebausch bei mir verzögert an und bevor ich noch über die Frage nachdenken kann, weiß ich, was ein Dip ist: eine Straßenkuppe die, zu schnell überfahren, für ein Abheben des Autos sorgen kann. Aber Martins Ausruf „ Fritz tuuus niiicht“, zugegeben mit einem mehr als kleinem Anflug von Panik hat bei Martina und mir einen Heiterkeitsausbruch zur Folge, der noch bis zur Querung des Tioga-Passes am Eingang zum Yosemite-Nationalpark anhält Und jetzt sind wir da, im gelobten Land des Freikletterns, dem Yosemite-Nationalpark.

Erst mal machen wir die Tuolumne Meadows unsicher und kraxeln am Lembert Dome den „Water Crack“ (5.7), eine tief vom Wasser eingegrabene Rinne in den Fels der Westwand. Dann folgt eine ungewöhnlich genussreiche Tour am Cathedral Rock, wo wir eine etwas langsame Damenseilschaft rechts überholen müssen (um stundenlanges Warten am Stand zu vermeiden) und erleben dadurch eine genussreiche Rißverschneidung (5.9) im außergewöhnlich rauen Granit, der stellenweise mit Chickenheads übersät ist. Als krönenden Abschluss auf den Meadows haken wir noch das „Great White Book“ (5.7) am Stately Pleasure Dome ab, eine Bilderbuchverschneidung hoch über dem Tenaya Lake, landschaftlich und erlebnistechnisch ein Traum. Den folgenden Tag geht es nun hinab ins Valley, wo zahlreiche Routen auf den Genußkletterer warten. Ob „Nutcracker“ (5.8) am Manure Pile Buttress, Bishops Terrace (5.8) am Church Bowl oder „Snake Dike“ (5.7) am Half Dome, jede Tour hat ihren eigenen Charakter.

Die Tage vergehen wie im Flug, eine tolle Tour folgt der nächsten. Und immer sehnsuchtsvoller werden die Blicke zu den urgewaltigen Wänden des El Cap, diesem Giganten aus Granit, dessen Südwestwand in der Abendsonne in warmen Tönen das Licht der untergehenden Sonne widerspiegelt. Wie magnetisch werden unsere Blicke von den Wänden angezogen und suchen ohne Unterlass die riesigen Wandfluchten nach Seilschaften ab, die verloren wirken wie in einem Ozean aus Fels. Und wieder fällt mir der Spruch von Valeri Babanov ein, den er am Nuptse gesagt haben soll: „Die Welt der Berge werden immer die natürliche Arena bleiben, wo wir, zwischen Leben und Tod, die Freiheit suchen, nach der wir uns unbewusst sehnen und die wir brauchen wie die Luft zum Atmen“. Mal schauen, wo’s uns das nächste Mal hin verschlägt. Ein paar Träume hab ich noch!