Umkehr am Vulcanic Tower

Autor / Bildrechte: Fritz Blach

Klicken Sie hier, um zur Galerie zu gelangen.


Als alter Wüstenfan ist es eigentlich sehr verwunderlich, dass ich erst in diesem Jahr den Beschluss gefasst habe, dem Wadi Rum einen Besuch abzustatten. Aber besser spät als nie! Als wir mit dem Bus von Aqaba kommend im Resthouse des Wadi Rum ankommen, müssen wir uns erst mal für eine Unterkunft entscheiden. Aber der Preis für Zelt und Halbpension ist so verlockend, dass wir sogleich zuschlagen. Als ich dann aber gleich für eine ganze Woche im Voraus zahlen soll, wird mir doch ein bisschen mulmig zumute. Was ist, wenn wir billig abgespeist werden und im Nachhinein die Entscheidung sich doch als Fehler erweist?
Von Bildern im Internet und in Büchern wusste ich ja ungefähr, was uns hier erwarten würde, trotzdem bin ich von der Weite der Landschaft und der Größe der Sandsteinstürme erschlagen. Berge, Sandsteintürme, Felsformationen, Bergmassive, kein deutsches Wort kann die Dimensionen dieser Berggestalten wiedergeben und so stehen wir staunend vor den gewaltigen Felsen und unser Blick verliert sich in den vielen Wänden und die Augen suchen die Wände nach Rissen, Kaminen und Verschneidungen ab.

Als erste Klettertour suchen wir uns etwas Einfaches aus! Die Ostwand am Vulcanic Tower mit dem UIAA-Grad 4+ und zwölf Seillängen erscheint uns gerade recht, um uns hier warm zu klettern. Das Warmklettern ist uns zwar, bei 35° C im Schatten, sehr leicht gelungen. Die vermeintlich leichte Auftakttour erweist sich aber als grobe Unterschätzung. Wie üblich bei Touren im Sandstein, überwiegen technisch trickreiche Riss- oder Verschneidungsstellen die Kletterei. So findet sich bereits in der 1. Seillänge (SL) eine glatte Verschneidung, die schon nach 15 m durch einen engen Kamin abgelöst wird. Dann folgen zwei nette Seillängen in Rissen und auf Platten, bevor ein ekliger Off-Wide meinen Kletterfluss abrupt unterbricht. Obwohl von einem komfortablen Stand losgehend, hänge ich praktisch noch in Absprunghöhe in diesem vermaledeiten Riss fest. Nur zwei Züge trennen mich von einem Griff, von dem es zweifellos weitergeht, doch wie den Griff erreichen. Letztendlich kann mich nur eine Trittschlinge in einen Friend eingehängt aus dieser misslichen Lage retten und schon stehe ich vor dem nächsten Problem: Ein weit ausladendes Dach mit einem Vertikalriss versperrt den weiteren Aufstieg. Mehrere Versuche, mit Handklemmern und ohne irgendeine Tritt – oder Foothookmöglichkeit das Dach zu überwinden, bleiben vergeblich und ich muss nach einem anderen Ausweg suchen.

Den Ausweg gibt es auch, und zwar in Form eines schmalen Bandes, das nach links auf eine geneigte Platte führt und im leichten Gelände erreiche ich den nächsten Stand. Wahrscheinlich hat dieser nervende Off-Wide meinem Nervenkostüm so zugesetzt, dass ich diese offensichtliche Alternative übersehen habe, trotz mehrfacher Hinweise von Heike auf den Linksschlenker im Topo! Auch Heike und Ussi haben in dieser mit IV+ angegebenen Wandstelle so ihre Schwierigkeiten, und Ussi gelingt es erst hier hoch zu klettern, nachdem ich seinen Rucksack hochgezogen habe und er ohne Rucksack die Stelle nun besser meistern kann. In der zweiten Wandhälfte erlauben wir uns aber einen Verhauer, der uns später zur Umkehr veranlassen wird. Die letzten drei SL, die immer schön einer Kaminreihe folgen, sind so offensichtlich (obvious = offensichtlich ist übrigens das meistgebrauchte Wort im Kletterführer von Tony Howard), dass wir sie geflissentlich rechts liegen lassen und prompt in ein wildes Wirrwarr von lose aufeinander liegenden Blöcken geraten. Alles, was wir hier unter die Finger kriegen, bröckelt vor sich hin. Wenn hier nur ein Block aus seiner Position gerät, stürzt die gesamte Wandpartie hinunter.

Von hier gibt es nur eines: Rückzug. Und da der Tag schon weit fortgeschritten ist und der Weiterweg über den Gipfel sicher kaum vor Einbruch der Dunkelheit zu beenden ist, entscheiden wir uns für den Rückzug über die komplette Tour. Mit den Querungen haben wir etwa 10 Seillängen zurückgelegt, die wir nun alle komplett ab kletternd oder abseilend zurücklegen. Jedesmal, wenn wir unser Seil um eine Sanduhr legen oder die Schlinge am Felsköpfl belasten, halten wir die Luft an und hoffen inständigst, dass die Abseilstelle unser Köpergewicht trägt. Nach drei mühsamen Stunden erreichen wir aber den Wandfuß unversehrt. Gerade rechtzeitig, um bis zum Einbruch der Dunkelheit zum Resthouse zurückzukehren.

Und wie schon den Abend zuvor, lassen uns die vorgesetzten arabischen Spezialitäten die Strapazen der Ostwand am Vulcanic Tower vergessen und wir langen herzhaft zu bei Hommus, Auberginenmus, Kichererbsenmus und den anderen arabischen Spezialitäten einschließlich des schmackhaften Fladenbrotes. Pünktlich zur besten Tagesschauzeit erscheint hinter dem Jabal Ishrin der Vollmond und taucht die Landschaft in dieses schemenhafte Licht, welches schon Lawrence von Arabien hier vor über 90 Jahren so begeisterte, dass er genau an dieser Stelle die arabischen Beduinenstämme zum Kampf gegen das osmanische Reich vereinte und erfolgreich durch die Kämpfe führte. Wir kämpfen heute nicht mehr sondern fallen nur noch erfolgreich in die Betten, um uns auf die nächsten Klettertouren in diesem sagenhaften Sandstein vorzubereiten.