Autor / Bildrechte: Fritz Hösel

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Schon vor sehr vielen Jahren hatte ich bei Klettertouren in den Ostalpen die Idee und den Wunsch, die mir teilweise endlos lang erscheinenden Anstiege zu den Unterkunftshütten oder Einstiegen mit dem Fahrrad zurückzulegen. Damals gab es jedoch noch keine Mountainbikes und die verfügbaren Räder waren alles andere als für derartige Anforderungen geeignet. Heute nun gibt es die richtigen Bikes und das Fahren damit hat sich inzwischen zu einer eigenständigen Bergsportart entwickelt. Vor fast zehn Jahren habe ich begonnen, mir meinen damaligen Traum schrittweise zu erfüllen. So ist es sicherlich nicht verwunderlich, dass ich bei nahezu jedem Urlaub versuche, diesem Hobby zu frönen und das natürlich auch während unseres letzten in Schwangau im Allgäu.

Schon lange vor Reisebeginn hatte ich mit den Vorbereitungen begonnen: Intensives Laufen, Intervall- sowie Fahrtechniktraining und ein neues Mountainbike hatte ich mir auch gegönnt. Leider gibt es bei uns in Mönchengladbach ja nur wenige Möglichkeiten, seine eigenen Qualitäten und die des Rades zu erproben, und so bin ich immer wieder auf unseren ehemaligen Müllberg, auch "Monte Klamotte" genannt, hoch und meist über die Treppen wieder heruntergefahren. Hinzu kamen Touren auf die Abraumhalden des Braunkohlen-Tagebaus, im Sauerland und natürlich Radtraining in der Ebene.

Nach einigen Einstiegsfahrten in den Ammergauer und Allgäuer Alpen hatte ich mir schließlich vorgenommen, einen der Schwangauer Hausberge, den Tegelberg (1700m), von Südwest nach Nord zu überqueren.

Ich muss zunächst nach Hohenschwangau, dem Dreh- und Angelpunkt für alle Besucher der Schlösser Hohenschwangau und Neuschwanstein. Hier trifft man auf unendliche Mengen an Besuchern und Autos, hört fast alle Sprachen und kann sich als Radler oft nur mühsam einen Weg bahnen. Dieser führt mich aufwärts in Richtung Schloss Neuschwanstein. Nach ein paar hundert Metern geht es von der Straße ab auf den Radweg oder das, was man hier so darunter versteht. Im Winter ist dieser Weg nämlich die Rodelbahn, unbefestigt und sehr steil. Meine Herzfrequenz steigt sprungartig auf ca. 150. Jetzt zeigt sich, was ich drauf habe. Viele Stellen sind so steil, dass man nur mit sehr gut ausgewogener Gewichtsverteilung fahren kann. Zum einen muss das Hinterrad ordentlich belastet werden sonst dreht es durch, aus dem Sattel zu gehen ist also unmöglich. Zum anderen muss man aber auch noch ausreichend Gewicht auf das Vorderrad bringen, weil es sonst hochsteigt und dann ist es mit dem Lenken gar nicht mehr so gut.

Vereinzelte Wanderer oder Schlossbesucher, die sich hierher verirrt haben, bleiben meist staunend oder auch unverständig den Kopf schüttelnd stehen. Hin und wieder höre ich aufmunternde Worte oder gar Anfeuerungsrufe. Als ich den Aussichtspunkt „Jugend“ erreiche, muss ich spontan an die Saisonvorbereitung unserer Tennis-Mannschaft denken. Vor etwa vier Monaten hatten wir bei einem kleinen Ausflug hier in Schnee und Kälte gestanden und die fantastische Aussicht auf die Tannheimer Berge, Schloss Hohenschwangau sowie Alp- und Schwanensee bewundert. Jetzt bin ich klatschnass geschwitzt, wir haben immerhin fast 30 ° im Schatten, und freue mich, dass die Straße zur Bleckenau von hier aus erst einmal leicht abfällt und so ein gewisses Verschnaufen möglich macht. Aber damit ist es schon bald wieder vorbei. Steil und in vielen Serpentinen, zum Glück meist im Schatten großer Bäume, geht es weiter bergauf.

Auf einer großen Lichtung zweigt der "Reitweg", über den ich von Südwesten her den Tegelberg erreichen möchte, ab. Dieser wurde einst ausgebaut, um den Jagdgesellschaften König Ludwigs II. einen einigermaßen passablen Aufstieg zu bieten. Heute ist er auch als ein Alpen-Lehrpfad, mit vielen Tafeln, Bildern und Hinweisen angelegt. Zunächst geht es über den relativ breiten gekiesten Forstweg meist recht steil und überwiegend im Schatten bergauf. Mein Puls hat sich schon lange wieder auf ein normales Niveau von ca. 135 Schlägen/Minuten eingepegelt. An der Ahorn-Diensthütte, die umgeben von hohen Gräsern und Blumen auf einer kleinen Lichtung liegt, muss ich mich links halten. Langsam wird der Weg schmaler und die vereinzelten Wanderer, die mir begegnen, gehen großzügig etwas zur Seite, sodass wir gut aneinander vorbeikommen. Immer enger werden jetzt die Serpentinen, die sich an den mit Gras, Büschen und vereinzelten Fichten bewachsenen Steilhang schmiegen. Je höher ich komme, umso weniger Schatten bieten die nur noch spärlich vorhandenen Bäume. Dann habe ich den "Branderfleck", eine Gratschneide zwischen Tegelberg und Ahornspitze, erreicht. Hier treffen vier Wege aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen zusammen, ein guter Platz für ein Päuschen.

Während ich gierig meine Apfelsaftschorle trinke, die Banane und den Müsliriegel esse, genieße ich die herrliche Aussicht. Nach geraumer Zeit wende ich das Rad nach Norden, um die letzten 100 Höhenmeter in Angriff zu nehmen. Schon bald muss ich aber erkennen, dass an Fahren vorerst nicht mehr zu denken ist. Blöcke, Stufen und Absätze bilden den steilen und teilweise drahtseilversicherten Weiterweg. Jetzt heißt es schieben oder auch tragen. Bloß gut, dass mein Drahtesel relativ leicht ist. Die ganze Sache gestaltet sich mittlerweile doch ganz schön mühsam. Endlich sehe ich vor mir das Tegelberghaus und die Bergstation der Seilbahn. Der "Aufstieg" wäre also auch ganz einfach möglich gewesen. Aber ich wollte es ja nicht anders. Die letzten Meter bis zum Haus kann ich wieder aufsteigen. Nach einem kurzen Abstecher zum Startplatz der Drachen- und Gleitschirmflieger bestelle ich mir auf der Hütte eine große Apfelschorle. Die erste ist gleich weg. Erst nach der zweiten stellt sich ein gewisses Durst-Gelöscht-Gefühl ein.

"Achtung! Achtung! In wenigen Minuten geht die letzte Seilbahn ins Tal" tönt es von der Station herüber. Das ist auch für mich das Zeichen zum Aufbruch. Jetzt folgt eine rasante Talfahrt, die zum Teil über die Skiabfahrtsstrecke führt. Dachte ich aber auch nur! Schon nach einigen Metern geht es sehr steil über mehr oder weniger gut gestuften Fels abwärts. Unmöglich zu fahren! Also wieder schieben und tragen. Auch den Versuch, hier teilweise über die Skiabfahrt zu fahren, kann ich sehr schnell wieder vergessen. Auf dem überaus steilen und grasigen Untergrund finden selbst die groben Stollenreifen keine vernünftige Haftung. Erst kurz vor der Schulter, auf der die Rohrkopfhütte liegt, kann ich mich endlich wieder in den Sattel schwingen.

Um den Rohrkopf herum fahre ich die engen Serpentinen des schmalen Wanderweges bergab. Hier ist wieder höchste Konzentration gefordert. Genaue Dosierung der Bremsen ist angesagt. Das ist ein Ritt zwischen Blockierung des Hinterrades in losem Gestein, Hoppeln über Stufen oder Blöcke und ab und zu auch einmal ein bisschen Gas geben. Schließlich erreiche ich ein großes Weidetor. Es lässt sich nicht öffnen, und so muss ich mitsamt dem Rad darüber klettern. Von hier aus führt eine schmale asphaltierte Forststraße zunächst steil bergab und dann vorbei an der Talstation der Tegelbergbahn zurück zum Ausgangspunkt, nach Schwangau.

Auch wenn es teilweise etwas beschwerlich war, so habe ich doch bei herrlichem Wetter eine tolle Tour erlebt und die fantastische Aussicht auf die umliegenden Berge und Täler sowie die grandiose Flora genossen.