Autor: Martin Turra
Bildrechte: Martin Turra
Auf der Flucht vor dem Karnevalswahnsinn führt es uns diesen Februar zum ersten Eisklettercamp der Sektion Gummersbach ins Tiroler Pitztal. Tom und ich hatten zuvor bereits ein paar Tage in München verbracht und kommen deshalb als Vorhut zuerst in unserer Pension in St. Leonhard an. Am Nachmittag kommt dann auch der Rest unserer überschaubaren Eisgruppe. Fritz, Heike, Dany und Henrik steigen wie die Sardinen aus einem voll beladenen Auto aus. Doch an diesem Tag können wir nur noch beim Abendessen den folgenden Samstag planen. Die Voraussetzungen sind auf jeden Fall gut. Die zahlreichen Eisfälle im Tal sehen sehr einladend aus und wir sind heiß darauf, unsere Eisgeräte in die Säulen reinzuhauen!
Am Samstag geht es nach dem Frühstück endlich los. Der Himmel ist nur leicht bewölkt, doch es ist saukalt. Wir fahren zur Kitzgartenschlucht, eine Art Eisklettergarten. Hier sind mehrere kleine und größere Eisfälle nebeneinander, so dass viele Einsteiger und „Lehrgruppen“ hier einsteigen. Fritz baut uns für unsere ersten Versuche mehrere Toprope-Routen. Wir bekommen ein erstes Gefühl für die unbekannte Materie. Das Eis sieht schön aus, ist aber an der Oberfläche durch den langen Superfrost spröde. Deshalb sind mit jedem Setzen der Geräte einige Schläge nötig, bei denen ordentlich Eisplatten zu Boden rauschen. Wir lernen das Setzen von Eisschrauben und das Bohren von Eissanduhren und merken kaum, wie schnell der Tag vorüber geht. Am Abend beim Essen beschweren sich zwar unsere Schultern, doch morgen soll es dann mal richtig losgehen!
Am heutigen Sonntag ist das Wetter noch schöner. Es geht wieder in die Kitzgartenschlucht. Da wir aber auch etwas von der Sonne haben möchten, wählen wir den kleinen Eisfall direkt am Bachufer aus. Hier machen wir unsere Fortschritte und können das erste Mal selber vorsteigen. Ich persönlich habe mittlerweile „Schaum vorm Mund“ - kann gar nicht mehr genug bekommen. Trotz der bedingt geeigneten 12 - Zacken - Alpinsteigeisen habe ich mittlerweile Vertrauen in die „lebendige Vertikale aus hartem Wasser“ bekommen. Auch Henrik ist begeistert und würde sogar im Dunkeln mit Stirnlampe weiterklettern!
Für den Montag hat Fritz eine Pause verordnet. Er verbringt mit Heike und Dany einen Tag auf der Skipiste. Wir drei Jungen fahren ins benachbarte Ötztal zum Felsklettern. Mit Tom war ich bereits mehrfach dort und weiß, dass in den tief gelegenen sonnenausgesetzten Wänden auch an schönen Wintertagen ein angenehmer Aufenthalt möglich ist. Wir klettern im T-Shirt im Oetzer Klettergarten bis die Sonne hinter der hohen Begrenzung des Tales verschwindet. Es wird schlagartig unangenehm frostig. Zurück im Pitztal erfahren wir, dass Fritz sich auf der Piste „gelegt“ hat und bis auf weiteres kletteruntauglich ist.
Doch was sollen wir jetzt am Dienstag machen? Während Fritz einen Lazaretttag in der Pension einlegt, machen Dany und Heike einen Langlaufausflug durch das Pitztal. Tom, Henrik und ich wollen aber nicht noch einen weiteren Tag verlieren. Schließlich sind wir zum Eisklettern hergekommen. Also muss ich als Bergführer einspringen und suche im Wasserfallführer nach einem geeigneten, einfachen Objekt, dem ich gewachsen sein sollte. Ich wähle einen Eisfall bei Jerzens aus, doch finden wir auf dem steilen, gefrorenen Waldboden keinen sicheren Zustieg dorthin. Die Kitzgartenschlucht kommt für uns nicht in Frage, zu viel Betrieb und zu langweilig.
So bleibt noch ein anderes Objekt, für das wir schon seit dem ersten Tag großes Interesse haben. Der Luibisbodenfall ist eine imposante Kaskade aus drei Einzelfällen. Im untersten Abschnitt sollte ich auch gut im ersten selbständigen Vorstieg ein Toprope für uns drei einrichten können. Aber leider ist auch dort schon eine Gruppe am arbeiten. So machen wir uns auf den Weg zum obersten Abschnitt, zu dem laut Führer ein Waldweg in Kehren heraufführen soll. Wir folgen einem Weg in den Wald hinauf, versinken dabei teils bis zum Bauch im Schnee. Im Wald entscheiden wir uns an einer Gabelung für den vermutlich falschen Weg. Denn er verschwindet nach einiger Zeit, so dass wir uns weglos durch den tief verschneiten und übel steilen Wald hinauf quälen. Auf einer Lichtung hoch über Stillebach lass ich Tom und Henrik eine Pause machen und erkunde ohne Rucksack die Lage. Wir sind neben dem oberen Ende des zweiten Eisfalls. Wir müssten noch etwas höher, um zum Dritten zu kommen. Doch über uns ist ein langgezogenes unüberwindbares Felsband, und über den Eisfall zu klettern, trau ich mich nicht -- Sackgasse! Naja, da haben wir ja einen schönen alpinen Ausflug gemacht, nur zum Eisklettern sind wir nicht gekommen.
Es ist Aschermittwoch und Abreisetag. Wir müssen erst gegen Mittag abfahren, so kann ich dem Drang zum Eis doch noch einmal nachgehen. Fritz’ Schulter ist nicht besser geworden. Tom, Henrik und ich beeilen uns mit dem Packen und Frühstück und fahren zeitig zum Luibisbodenfall. Diesmal ist niemand da. Ich kann loslegen. Neben meinen fünf Eisschrauben hab ich mir noch eine Hand voll vom Fritz ausgeliehen. Die erste eigene Seillänge! Es ist ganz schön anstrengend die ganze Zeit in den Eisgeräten zu hängen und die Schrauben zu setzen. Aber es macht mir sogar Spaß. Trotzdem bin ich froh, als ich am Umlenk-Baum ankomme. Leider ist das Seil zum Ablassen zu kurz, und ich muss Tom nachkommen lassen. „Du bist ja verrückt, so etwas vorzusteigen!“, sagt er, als er oben ankommt. Nachdem die Schrauben jetzt raus sind, reichen beiden Seilenden bis zum Grund. Wir können im Toprope noch einige Linien üben. Ein tolle senkrechte Kerze ist auch dabei. Doch leider müssen wir bald die Heimreise antreten.
Bis zum nächsten Winter habe ich die optimalen Steigeisen und mehr Eisschrauben! Ich weiß, dass einige von uns wiederkommen werden!!



