Bericht von Frank Weber

Freitag 27.08.2004

Die Passhöhe und damit der Scheiteltunnel des Susten ist fast erreicht. Viel schlechter kann die Aussicht dort drin auch nicht werden, Nebel und 1,5 Grad bestimmen das Umfeld. Vor gut 6 Stunden in Bonn sah das alles noch so gut aus, sternklarer Himmel und knapp 10 Grad. Und nun? Wir machen uns etwas Sorgen um das Wetter der drei bevorstehenden Tage. (Ach so, „Wir“, also das sind Thomas, Uli, Reiner und der Berichterstatter.)

Am Hotel Steingletscher erst mal raus aus dem Auto, alles strecken. Ein kurzes Frühstück im Stehen, die anderen (9 weitere Teilnehmer am Eiskurs) suchen und finden und noch eine kurze Fahrt zum Parkplatz der Tierberglihütte.

Und das Wetter: Eben noch Waschküche und nun stahlblauer Himmel und bis weit hinunter frisch eingescheite Berge. Eines meine Bilder führt später zu Hause zur Frage: „Warst Du im Himalaja?“

Wir schultern unsere Siebensachen. Das Warnschild beachtet kaum jemand,

die spätere Wirklichkeit jeder.

„Allein wäre ich hier niemals hochgegangen“ höre ich sagen und „Ausbildung schon beim Hüttenzustieg.“ Gegen 13 Uhr ist es überstanden: Rucksäcke runter, Schuhe aus und Einweisung vom Hüttenwirt. Der wichtigste Punkt: tags über ist das WC der Hütte gesperrt (Wassermangel). Da ist das Plumpsklo gleich neben der einige hundert Meter senkrecht abfallenden Nordwand des Hüttenplatzes zu besuchen. Doch der Weg da hin ist dick verschneit. Ohne Schuhe heißt das: Einhalten!

In zwei Gruppen machen wir uns auf in den alpinen Nachmittag. Fritz sucht das Weite in Richtung Vorderer Tierberg.

Ich lasse gleich gegenüber der Hütte, jenseits des Windkolks „tote Männer“ vergraben oder - politisch korrekt – „T-Anker“ bauen.

Jeder wird einem dynamischen Belastungstest unterzogen und fast jeder kommt schneller raus, als den Aktiven lieb ist. Nur einer hat gehalten, die anderen schauen etwas betreten.

Beim zweiten Versuch sieht das dann schon sehr viel besser und der Gletscher arg umgepflügt aus.

Während die andere Gruppe schon wieder der Hütte zustrebt und uns auch zur Eile ermahnt (um 19:00 Uhr gibt es Essen) stehen und sitzen wir noch im Schnee und theoretisieren an den verzwickten Feinheiten der Spaltenbergung.

Zum Essen sind aber auch wir rechtzeitig bei Tisch.

Samstag 28. 08.2004

Wir lassen uns Zeit und die erste Welle schon um 6:00 Uhr zum Frühstück ohne uns durch die Hütte schwappen. Uns reicht es, um 6:30 Uhr gemütlich das übersichtliche Frühstück (Müsli, Brot, Butter, Marmelade, Käse, Kaffee, Tee) anzugehen. Das Wetter verspricht einen herrlichen Tag und die Wege zu unseren heutigen Zielen sind überschaubar. Fritz macht sich zum Sustenhorn auf, wir gehen auf den Vorderen Tierberg, natürlich mit Ausbildungseinlagen.

Flach zieht die Spur oberhalb der Abbruchkante entlang, von der aus sich ein Seitenarm des Steingletschers zum Steinlimigletscher hinabstürzt.

Bald erreichen wir den Platz, an dem Fritz gestern Rutsch- und Bremsübungen durchgeführt hat. Und da auch ich weit und breit keine geeignetere Stelle sehe, tun wir es ihm nach.

Trotz zugezurrter Regenbekleidung findet genügend Schnee den Weg bis auf die Haut – ein schaurig schönes Gefühl!

Mit dem neue erworbenen Wissen und Können geht es dann seilfrei über den nach rechts wesentlich beeindruckender als nach links abfallenden Firngrat hinauf.

Die Sicht oben ist berauschend.

Zwar erkenne ich nur wenige Gipfel, das tut dem Genuss aber keinen Abbruch.

Weit im Nordwesten zieht deutlich erkennbar eine Warmfront heran, ein willkommener Anlass, rasch noch ein paar Grundlagen zur Wetterkunde in den unberührten Gipfelfirn zu skizzieren.

Beim Abstieg lacht mich schon von weitem der ideale Platz für eine praktischen Spaltenbergung an.

Die oberste Spalte des Gletscherbruchs mit flachem spaltenfreiem Hinterland.

Rasch sind zwei T-Anker für die Hintersicherung aufgebaut, Regenzeug und Helm angezogen und die Seilschaft gebildet. Diese Übung lebt natürlich davon, ob und mit welchem Satz der Erste in die Übungsspalte geht. Manche springen so richtig mit Schwung und die Seilschaft landet bäuchlings im Schnee.

Manche rutschen vom Respekt vor der unbekannten Tiefe etwas gebremst behutsam auf Hintern oder Bauch über die Firnkante. Und dann gibt es auch jemand, der dazu steht und nicht hineingeht. Dazu gehört in einer Gruppe mindestens ebensoviel Mut, wie einem Gruppenzwang zu folgen – Respekt.

Jeder übt jede Position in der Seilschaft und mit der Zeit stabilisiert sich die Dauer für eine erfolgreiche Bergung bei ca. 15 Minuten. Für die beiden oben verfliegt diese Zeit, für den Hängekandidaten wird sie zu Ewigkeit.

Genau deswegen, um zu wissen, dass es dauern kann und dass die oben - auch wenn es mal kräftig nachruckt und es noch mal ein paar Zentimeter hinuntergeht - ihr Bestes geben und wohl alles richtig machen, eben deswegen sollte jeder - zumindest zu Übungszwecken - wirklich mal in einer Spalte hängen.

Zurück an der Hütte, die Gruppe vom sonnenüberfluteten Sustenhorn ist schon da, bleibt noch etwas Zeit bis zum Essen.

Jeder geht seinen Dingen nach, es ist friedlich.

Sonntag 29.08.2004

Die Warmfront war etwas schneller als erwartet, schon der Morgenhimmel ist recht dicht bewölkt. Regen ist aber vorerst nicht zu erwarten und so brechen wir zum Sustenhorn auf.

Schon der anfangs noch flache Gletscher ist von überraschend vielen, wenn auch recht kleine Spalten durchsetzt, aber wegen der reichlichen Alt- und vorgestrigen Neuschneeauflage sehr gut gehbar. Da das Wetter heute weder berauschende Blicke noch erschöpfende Wärme bietet gehen wir fast ohne Pause durch und sind nach rund 2 ½ Stunden oben.

Sicht und Temperatur nahe Null hält uns hier nicht viel und so sind ein kurzer Schluck aus der Flasche und das Anziehen der Steigeisen für den Abstieg die wesentlichen Pauseninhalte.

Ohne dass wir es so richtig gemerkt haben, hat es wohl unter oder neben uns so viel geschneit, dass die im Aufstieg noch etwas unangenehm eisigen Platten, für die wir eigentlich die Steigeisen angezogen haben, inzwischen wieder so gut verschneit sind, dass die Eisen durch das zunehmende Stollen nun doch eher hinderlich als nützlich sind.

Unterhalb der beiden großen Spalten am Südhang des Sustenhorns entledigen wir uns dann auch gern der Blechbesohlung. Kurz nach 13 Uhr sind wir zurück.

Fritz hat heute mit seiner Gruppe erste Übungen im (fast) Blankeis im Windkolk an der Hütte gemacht und ist nun dort, wo wir uns gestern in die Spalte gestürzt haben um es uns nachzutun.

Das Wetter macht zwar immer mehr zu, es bleibt aber trocken und so ist Gelegenheit an einem mit brauchbaren Haken bestückten Felswändchen gleich neben der Hütte die Münchausentechnik zu üben. Die hilft einem, sich selbst aus einer Gletscherspalte zu befreien, wenn die oben Gebliebenen das nicht hinbringen.

Daraus erwächst im Nachgang eine gut einstündige Knotenübung (englischer Spierenstich) in der Hütte mit sehr reger Beteiligung.

Nach dem es das wie immer sehr guten Abendessen aus der Küche bis in die Mägen geschafft hat, gibt es heute einen besonders delikaten Nachtisch.

Die Rezeptur, besonders hinsichtlich gewisser prozentualer Anteile, soll geheim bleiben. Das Bild muss als Erläuterung reichen.

Es ist kurz vor 20 Uhr da kommt statt Verdauungsruhe plötzlich Hektik auf. Schaulustige und Fotografen eilen hinaus. Die tiefstehende Sonne bäumt sich mit einem optisches Flammenmeer vergeblich gegen die Finsternis auf.

Mit schier endlos erscheinenden Paraden von Witzen - vorwiegend der besseren Güteklasse - klingt der Abend aus.

Montag 30.08.2004

Letzte Wolkenfetzen dekorieren den frisch-blauen Himmel.

Ein letztes mal hinein in Anseilgarnituren, dicke Schuhe und Steigeisen.

Wir steigen den „Winterweg“ über den Sustengletscher ab.

Das Steilstück auf gut halber Strecke wird für die, die in diesen Tagen erstmals in Ihrem Leben Steigeisen an den Füßen hatten zur nervlichen Herausforderung.

Doch gut gesichert bleibt selbst ein kleiner Ausrutscher folgenlos.

Schussakkord ist der Ausstieg am linken Gletscherrand über schuttbedecktes Toteis.

Fritz sichert auch dieses Stück so gut es geht und es geht gut so.

Alle erreichen wohlbehalten und offensichtlich sehr zufrieden über die drei super Tage wieder festen Boden.

Wir takeln ab und werfen noch rasch einen Blick unter den Gletscher.

Der schiebt sich hier über eine begehbare Felsspalte und bietet damit eine einmalige Gelegenheit zu sehen, wie passgenau Eisunter- und Felsoberseite aufeinander eingeschliffen sind.

Der kurze Rückweg zu den Autos führt uns an der Stelle vorbei, an der der friedliebenden Schweiz im November 1992 eine militärisches unterirdisches Munitionsdepot um die Ohren geflogen ist. Neun Tote und ein respektabler Bergsturz waren die Folge.

Inzwischen ist es zwölf Uhr mittags, die Sonne steht hoch am Himmel und der Bergbach lädt zum Bade – oder ist es gar nicht der Wunsch sich abzukühlen (was garantiert super gelingt) sondern eher der, sich nach drei Wasser-losen Tagen endlich mal wieder zu waschen?

Wie dem auch sie, der höchstwahrscheinlich hier ohnehin sehr dünnen Fischpopulation wird’s hoffentlich nicht schaden.

Schließlich verstauen wir unsere Sachen in die Autos, nehmen noch einen Abschiedsumtrunk am Hotel Steingletscher. Drei herrliche Tage finden hier auf sonniger Terrasse in grandioser Bergwelt ihren würdigen Schlusspunkt.